2020-08-11

Eine Reportage aus dem rebellierenden Minsk

11 August 2020 | Proekt.

Zwei Tage schon gehen die Einwohner von Belarus massenhaft gegen Präsident Alexander Lukaschenko auf die Straße. Ein Korrespondent von „Proekt.“ hat einen Abend und eine Nacht mit den Unzufriedenen in Minsk verbracht und berichtet davon, wie der Protest immer wütender wird.

Der Name des Autors ist aus Sicherheitsgründen verborgen. Im Text wird Fäkalsprache verwendet.

Vom Weg des Protests an die Stadtränder

Stepan verlässt abends um 7 sein Haus im Zentrum von Minsk am Platz des  Sieges – er will sich mit Freunden treffen und gemeinsam mit ihnen demonstrieren gehen. Zugegebenermaßen war es nicht leicht, ein Treffen zu vereinbaren. Immer noch, wie auch am ersten Tag der Proteste, funktioniert das Internet in der Stadt wie im ganzen Land praktisch nicht: die Menschen rufen sich per Telefon zusammen und gehen in kleinen Gruppen auf die Straße. Stepan kann seine Freunde nicht erreichen, also machen wir uns zu ihnen nach Hause auf.

In Minsk fürchtet man sich jetzt vor jedem Klingeln an der Tür. Vor uns klingelt ein Mann an der Türsprechanlage, keiner macht ihm auf, bis schließlich ein Kopf hinter der Haustür hervorkommt und zu schimpfen beginnt: „Anrufen, nicht klingeln, ich hab mir fast in die Hosen gemacht.“ Stepan ruft oben, auf dem Stockwerk seines Freundes angekommen, durch die geschlossene Tür: „Mach auf, das sind wir, nicht der KGB.“ Sein Freund ist nicht zuhause.

Auch Stepans andere Freunde sind nicht zu erreichen: er meint, dass sie ihre SIM-Karten weggeworfen haben könnten, damit man ihren Standort nicht lokalisieren kann. Innerhalb der letzten Tage, vielleicht auch schon Jahre, haben die Leute hier gelernt, sich wie Partisanen zu verhalten. Stepan ist gerade mal 25, aber er ist schon imstande, einen Innenhof auf „Busiki“ zu überprüfen (so nennt man in Belarus die Kleinbusse, in die, zivil gekleidete Mitarbeiter der Staatsorgane, die Menschen verladen), seinen Nachbarn im Treppenhaus ein VPN zu installieren, und kann sich inzwischen auch vor Blendgranaten und Gummigeschossen verstecken.

Das Stadtzentrum sieht aus wie aus einem Katastrophenfilm: alles ist abgeriegelt, keine Menschenseele, Stille. Der Prospekt der Unabhängigkeit, entlang dessen wir laufen, ist für den Autoverkehr gesperrt, links und rechts der Fahrbahn stehen Gefangenentransporter bereit. Mit der Metro kommt man schon nicht mehr ins Zentrum.

Gegen 20 Uhr schenken uns die Kämpfer der Spezialeinheit noch keinerlei Beachtung, sie sind mit Aufwärmübungen wie vor dem Training beschäftigt. Wir machen einen schnellen Abstecher in die einzige Bar in den Innenhöfen, die heute Abend geöffnet hat, man versorgt uns mit Wasser und Internet: „Essen können wir euch leider keines anbieten, schließlich ist unser Koch gestern verhaftet worden.“  Die Barkeeper meinen, dass sie später auch auf die Straße gehen würden: „Er [Lukaschenko] hat’s verschiessen, und er weiß, dass er am Ende ist, und zum Abschluss veranstaltet er jetzt diese Scheiße.“

Der Tradition folgend hatten viele Demonstranten versucht, auf die Njamiga-Straße zu gelangen, von der aus am Vorabend die Proteste losgegangen waren. Aber die Straße ist von allen Seiten mithilfe der Sondereinheit OMON und von Spezialfahrzeugen blockiert, schlussendlich versammelt sich hier nur eine überschaubare Anzahl von Leuten. Wir sehen Senioren und Familien mit Kindern, viele von ihnen klatschen in die Hände und rufen „Schande“. Gegen 21 Uhr beginnt der „Chapun“: OMON beginnt mit Festnahmen nach dem Zufallsprinzip. 

Wir haben Glück, erreichen einen Bus, um in Richtung der Vorstädte durchzubrechen. Um 21 Uhr ist schon klar, dass die meisten Leute in ihren Vierteln bleiben werden, weil es schlicht unmöglich ist, ins Zentrum zu gelangen.

Die Leute im Bus sind aufgebracht, ein Mann um die fünfzig schreit aus dem Fenster: „Ihr Gesindel, ihr Dreckskerle, wen bewacht ihr denn? Verflucht sollt ihr sein!!“ Im Bus beginnt eine Diskussion darüber, dass Lukaschenko seinen Sohn Kolja „auf den Thron“ setzen werde, „und Kolja bringt alle ins Grab“.

Ohne Internet wissen die Leute nicht, wo man sich versammeln soll. Erst gegen 22 Uhr gelangen wir auf den Prospekt, der zur Metrostation „Puschkinskaja“ führt, die heute Nacht eine der Hauptarenen der Kampfhandlungen darstellen wird. Zusammen mit uns bewegt sich eine Menge von ca. tausend Menschen aus dem Zentrum hierher.

Das Viertel hier ist eine gewöhnliche Trabantenstadt mit ein paar wenigen Einkaufszentren am Rand und kleinen Parks für Spaziergänge mit Hunden und Kindern. Es gehen immer noch Leute mit Einkaufstüten vorbei, während um sie herum schon eine Art Krieg herrscht: hinter den Häuserreihen explodiert etwas, Schüsse sind zu hören. Aus einem Treppenhaus kommt zufällig ein Junge mit einem Schäferhund raus, ihm wird zugeschrien, schnell wieder reinzugehen. Zu Beginn macht es den Eindruck, als wäre es wenigstens in den Höfen sicher, aber bald schon werfen die Vertreter der Staatsmacht auch dorthin Gasgranaten, direkt unter die Fenster der Häuser. In den Höfen gibt es kaum Licht, alle rennen irgendwo hin, und OMON hinterher.

Menschen verstecken sich in Vorgärten und unter Bäumen. Fast pausenlos wird Reizgas versprüht, doch alle verstehen schnell, dass man es bloß nicht einatmen und sich nicht die Augen reiben darf. Wir befeuchten unsere Masken mit Tauwasser und rennen weiter. Wir machen Stopp in der Mitte der Straße: weiter vorne, in einem anderen Viertel, hinter der Linie der OMON-Kämpfer, zünden Leute plötzlich Feuerwerkskörper – ihre Antwort auf die Blendgranaten der Staatsmacht. Ihnen wird applaudiert.

Gleichzeitig versuchen Leute bei der Metro Barrikaden zu errichten, was sofort auf heftige Gegenwehr stößt – dieses Mal wird neben den Granaten auch OMON auf uns losgelassen, sie schießen mit Gummigeschossen auf uns. Zwischen den Häusern tauchen Rettungswägen auf, aber man schreit einander zu, dass sich in ihnen in Wirklichkeit OMON-Leute befinden.

Von der Brutalisierung des Kampfes

Wir verstecken uns unter einer riesigen Kiefer, und in diesem Moment, kurz vor Mitternacht, erreicht uns die Information, dass Wehrdienstleistende hierher abkommandiert wurden. Jemand redet über Schützenpanzer und eine große Menge an Kriegstechnik – anscheinend ist das alles auf dem Weg nach Minsk, genauer gesagt in unser Viertel. Ein bisschen später sehen wir die Wehrdienstleistenden wirklich – man lässt sie die Höfe kontrollieren. Gleichzeitig macht die Runde, dass es einen Toten gegeben habe, auf dem Prospekt liegen viele Verwundete – die Sirenen der Rettungswägen geben keinen Moment Ruhe. Der zweite Tag zeichnet sich dadurch aus, dass die Staatsmacht gar nicht erst versucht, Demonstranten festzunehmen, sie werden großteils einfach heftig verprügelt.

Von Zeit zu Zeit versucht jemand, den Leuten von der Spezialeinheit etwas von der „Miliz auf der Seite des Volkes“ zuzuschreien, zur Antwort fliegen Granaten. „Schlampen, habt ihr euren Eid dem Volk geleistet oder Lukaschenko?“, brüllt ihnen ein Mann heiser entgegen. Auf der Straße beginnt die Räumung, und durch die Höfe fahren Busiki mit OMON-Kämpfern. „Versteck‘ dich hinter den Bäumen, renn zwischen den Autos entlang“, rät Stepan. Es gibt kein Licht in den Höfen, doch die Milizionäre sorgen mit großen Laternen für Beleuchtung. Inzwischen lässt das alles an einen schlechten Kriegsfilm denken – noch am Wochenende hätte man sich kaum vorstellen können, durchs Gras zu kriechen und bei jedem Rascheln aufzuhorchen.

In lokalen Chat-Gruppen tauchen Informationen über Wohnungen auf, deren Bewohner zur Aufnahme von Protestteilnehmern bereit sind – bei ihnen kann man ein Ende des Polizeieinsatzes abwarten. Stepan meint, dass er eine SMS mit fünf verschiedenen Wohnungen an der Puschkinskaja bekommen habe, in denen man sich in Sicherheit bringen könne: wir rennen zu einer davon, und wirklich, die Wohnungsbesitzer nehmen uns auf, reichen Essen und Wasser. Noch ein weiterer Demonstrant versteckt sich hier, der wegen der Straßensperrungen nicht nach Hause zurückkehren kann. Die in der Wohnung Versammelten unterhalten sich darüber, dass wohl morgen in Minsk das Kriegsrecht verhängt werde, über etwas anderes kann keiner nachdenken oder sprechen: „Das Kriegsrecht unterscheidet sich in keiner Weise davon, wie wir jetzt leben.“