2021-04-15
12. April 2021 | Mikalaj Chalesin, KYKY.ОRG
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Vermutlich haben Sie auch schon einmal über Analogien zwischen den aktuellen Ereignissen in Belarus und der Zeit des Dritten Reiches in Deutschland nachgedacht. Falls ja, lesen Sie diesen Text vom Anfang bis zum Ende. Nikolai Khalezin, Direktor des Сreative Politics Hub und der künstlerische Leiter des Belarus Free Theatre, schrieb eine Kolumne, in der er Lukaschenkos Ideologie mit der einiger berüchtigter Persönlichkeiten der 30er- und 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts verglich. KYKY veröffentlicht diesen Text und weist darauf hin, dass die Ansichten des Autors nicht mit denen der Redaktion übereinstimmen müssen.

Am 1. Februar 2020 wurde der Tatbestand „Rehabilitierung des Nationalsozialismus“ ins belarusische Strafgesetzbuch aufgenommen. Und bereits März 2021 beschlossen die Machthaber im Eilverfahren eine Reihe von Änderungen am Gesetz „Über die Bekämpfung des Extremismus“, die die Position des Staates verschärfen und den Begriff des „Extremismus“ so ausweiten, dass er praktisch alles umfasst, was die Zivilgesellschaft tut. Um zu verstehen, auf welches Modell das Lukaschenko-Regime zurückgreift, lohnt es sich, einen Blick auf die jüngere Geschichte von Belarus zu werfen, genauer gesagt, auf die letzten 26 Jahre.

Das brutale Vorgehen des Regimes bei der Unterdrückung der außergewöhnlich friedlichen belarusischen Proteste rief bei Bürger*innen die Erinnerung an die Zeit des Zweiten Weltkriegs wach, als die Bevölkerung gezwungen war, sich gegen die rücksichtslose Repressionsmaschinerie des Dritten Reiches zu wehren. Die Menschen, die die faschistische Besatzung durchlebt hatten, kamen an diesem Vergleich nicht vorbei, als sie den Terror der OMON-Sondereinsatztruppen in den belarusischen Städten erlebten. Die Farbe ihrer Uniformen und das Verhalten der OMON riefen die Erinnerungen an die SS-Truppen wach. Die Menschen verglichen auch die Handlungen der „olivgrünen“ Spezialkräfte mit denen der „Abwehrgruppen“ aus der Zeit von Hitlers „Generalplan Ost“.

Den Belarus*innen bot sich für die Greueltaten der Regierung kein anderer Vergleich an, denn die sowjetische Nachkriegszeit, wies, so totalitär sie in ihrem Wesen auch war, kein solches Ausmaß an Grausamkeit auf. Anders gesagt: Die postsowjetische Zeit zeigte Grausamkeit nur in spezifischen Aspekten, wie die Anwendung der Todesstrafe und das Diktat der ideologischen Zweckmäßigkeit. Man kann sich noch an die blutige Niederschlagung des Arbeiteraufstands von Nowotscherkassk 1962 oder die Pogrome im usbekischen Ferganatal 1989 in Erinnerung rufen, aber diese geschahen unter totaler Kontrolle der Medien, während das belarusische Regime 2020/21 schamlos vor den Augen der ganzen Welt handelt.

Die nervöse Reaktion der Regierung auf den Vergleich mit dem Dritten Reich hat einen anderen, sehr wichtigen Grund: Die in Nazideutschland entwickelten Modelle waren und sind für das gegenwärtige Regime und für Alexander Lukaschenko persönlich die attraktivsten und wertvollsten.

„The War that Hitler won“

Das Wesen der Propaganda ist deshalb unentwegt die Einfachheit und die Wiederholung.

Joseph Goebbels

„The War that Hitler won“ ist keine Geschichtsfälschung, sondern der Titel eines Buches, das der US-Historiker Robert Edwin Herzstein in den späten 1970er Jahren veröffentlicht hat. Genau dieses Buch lag auf dem Nachttisch des Mannes, der zu Beginn des Lukaschenko-Regimes seine ideologischen Grundlagen formulieren, die Rede ist vom stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung, Oberst Uladsimir Samjatalin.

In Tula geboren, an der Militärisch-Politischen Hochschule in Donezk ausgebildet und in der Sowjetarmee bis zum Oberst aufgestiegen, wurde er zur Zeit der Präsidentschaftswahlen Pressesprecher von Premierminister Uladsilau Kebitsch. Nach Lukaschenkos Sieg war er in seinem Team zunächst als Leiter der Hauptdirektion für gesellschaftspolitische Information und dann als erster stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung tätig. Uladsimir Samjatalin war ein Verfechter des Faschismus, des „Russki Mir“ und gewaltsamer Methoden zur Lösung von Problemen. [Russki Mir, dt. „Russische Welt“, ist ursprünglich ein Kulturkonzept, das in seiner ideologisierten Form auch zur Legitimierung des russischen Einflusses im postsowjetischen Raum eingesetzt wird – Anm. d. Ü.] Er war es, der die Schaffung lokaler Gruppierungen der „Russischen Nationalen Einheit“ [paramilitärisch organisierte neonazistische politische Partei in Russland – Anm. d. Ü.] in Belarus überwachte und sie in Analogie zu den Sturmgruppen Nazi-Deutschlands zu Gruppen von Sturmkämpfern formen wollte.

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Eine interessanter Fakt, der die Ansichten von Uladsimir Samjatalin unterstreicht. Eines Tages beauftragte er die Denkfabrik von Eduard Ejdin mit der Ausarbeitung eines Konzepts für eine belarusische Staatsideologie und gab dieser Gruppe als Planungsvorgabe die Thesen, auf denen diese Ideologie beruhen sollte. Eduard reichte sie an Kim Chadsejeu weiter, der den größten Teil der Arbeit erledigen sollte. Nach einer Weile gab Kim Ejdin die Aufgabe zurück und weigerte sich, das Konzept zu schreiben. Auf Eduards Frage, warum er sich weigere, an dem Programm zu arbeiten, antwortete Kim: „Sie verlangen, dass ich ,Mein Kampf‘ schreibe.“

Das Buch „The War that Hitler won“, das die Wirkungsmechanismen der NS-Führung offenlegt, erweckte Samjatalins Interesse – vor allem durch die Figur von Joseph Goebbels, der den gesamten NS-Propagandaapparat steuerte. Aus diesem Buch schöpfte Uladsimir Samjatalin seine Ideen für die Schaffung von Mechanismen zur Kontrolle der Massenmedien, einschließlich des Radios, das 1995 mit Lukaschenko einen Bärendienst erwies.

Der Jadronzau-Kasus

Ich habe kein Gewissen. Mein Gewissen heißt Adolf Hitler.

Hermann Göring zugeschrieben

1995 gibt der damals junge Präsident Alexander Lukaschenko dem deutschen Wirtschaftsmagazin „Handelsblatt“ ein längeres Interview. Für alle Beobachter kam dies überraschend, denn die Wahl der Publikation war, gelinde gesagt, seltsam für einen Menschen, dessen Wissen über das Funktionieren einer Wirtschaft nicht über das Niveau eines landwirtschaftlichen Staatsbetriebs hinaus ging. Der Journalist Markus Zimmer flog nach Minsk, um sein Gespräch mit dem Staatsoberhaupt zu führen, ohne davon auszugehen, dass es während des Dialogs der Leiter der Rundfunkaufsicht, Uladsimir Jadronzau, anwesend sein würde.

Jadronzaus Mission war einfach, das Gespräch mitzuschneiden und den Tonmitschnitt zur Ausstrahlung umgehend an den staatlichen Rundfunk zu übermitteln. Zu seinem Unglück tat er exakt wie ihm geheißen. Nur dadurch hat das breite Publikum erfahren, was der belarusische Präsident von einem der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts, Adolf Hitler, hält:

„Dereinst brauchte es eine strenge Regierung, um Deutschland aus den Trümmern emporzuheben. Es war nicht alles schlecht in Deutschland unter dem berühmten Adolf Hitler. […] Die deutsche Ordnung war seit Jahrhunderten in Entwicklung, unter Hitler erreichte dieser Prozess seinen Höhepunkt. Dies entspricht unserem Verständnis einer präsidialen Republik und der Rolle des Präsidenten darin. […] Deutschlands Aufstieg verdankt sich einer starken Regierung sowie dem Umstand, dass die ganze Nation in der Lage war, sich um einen starken Führer zu konsolidieren und zu einen.“

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Das Interview im Handelsblatt erschien ohne dieses Zitat. Als ich Markus fragen konnte, warum das Zitat über Hitler es nicht auf die Seiten der Zeitung geschafft hatte, antwortete er: „Unsere Veröffentlichung hätte wegen Verherrlichung des Nationalsozialismus sofort ihre Lizenz eingebüßt.“

In den letzten Jahren sahen sich die Belarus*innen immer wieder an dieses Zitat erinnert, denn es erklärt weitgehend die Richtung, die die Entwicklung des Landes in den verschiedensten Bereichen – von der Außenpolitik bis zu den Beziehungen zwischen dem Staat und der Zivilgesellschaft – genommen hat.

Generationswechsel

Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.

Adolf Hitler

Samjatalins politischer Archaismus konnte nicht lange andauern. Seine ideologische Dominanz endete um die Jahrhundertwende, und er starb 2019 in völliger Vergessenheit, obwohl er kurz vor seinem Tod durch seine skandalöse Unhöflichkeit gegenüber einer Kassiererin in einem Supermarkt, die ihm auf Belarusisch geantwortet hatte, kurz auf sich Aufmerksamkeit gezogen hatte.

Man kann die ideologische Entwicklung in Belarus unterschiedlich beurteilen und die Frage, wer das Erbe des Neofaschismus angetreten hat, unterschiedlich beantworten, aber in diesem Zusammenhang kommen wir nicht umhin, Usjewalad Jantscheuski zu erwähnen. Er verstand, was Samjatalin mit der Gründung von paramilitärischen Einheiten und der Ausweitung des Einflusses der „Russischen Nationalen Einheit“ (RNE) in Belarus bezweckt hatte, und entwickelte daraus ein weniger aggressives aber ebenso destruktives ideologisches Modell, das sich vor allem an die Jugend richtete. Die Rede ist vom Belarusischen Republikanischen Jugendverband (BRSM).

Samjatalin hatte sich aus mehreren Gründen bei seinem Flirt mit dem „Russki Mir“ in eine Sackgasse manövriert. Und einer der Gründe ist, dass er die Richtigkeit des Satzes, „Belarus ist nicht Russland“ nicht vollständig begriff. Eine Zeit lang schien es ihm, dass das romantische Bild des starken jungen Kämpfers, der mit der Idee eines „Großrussland“ bewaffnet ist, attraktiv sein könnte, und alle seine Anstrengungen konzentrierten sich auf die Entwicklung eines RNE-Flügels in Belarus, der über den „Slawjanski Sobor Belaja Rus“ [eine politische Partei in Belarus, 1992-1999 – Anm.] finanziert wurde. In dem letzteren hatte der Direktor des Minsker Kamarouski-Marktes eine aktive Rolle gespielt, durch dessen schwarze Kassen unter anderem die Finanzierung des belarusischen Zweiges der RNE lief. Damals waren der Propagandist Jury Asaronak, Vater des heutigen Propagandisten Ryhor Asaronak, und Usjewalad Jantscheuski, heutiger Leiter eines Hi-Tech Parks, im „Slawjanski Sobor“ aktiv.

Der belarusische Zweig des RNE schreckte vor nichts zurück, auch nicht vor Überfällen, Prügeleien oder weiteren Gewalttaten, die von ihren „Betreuern“ angeordnet wurden. Zum Beispiel wurden 1999 Aktivisten von Charta ’97, einschließlich des führenden Oppositionspolitikers Andrej Sannikau, nachmittags im Zentrum von Minsk von einer Gruppe unter Führung des Leiters des belarusischen Flügels des RNE, Hleb Samojlau, zusammengeschlagen. Und im Jahr 2000 wurde Samojlau selbst in seinem eigenen Treppenhaus erstochen.

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Als Jantscheuski erkannte, dass der Posten des Leiters einer regimetreuen Jugendorganisation vakant war, beschloss er, diesen sofort zu übernehmen und gründete die Organisation „Pramoje Dsejanne“ [Belarusisch für „Direkte Aktion“ – Anm.], eine Jugendbewegung nach Art der Hitlerjugend, der sich junge Romantiker voller Tatendrang anschlossen. Sie konnte sich allerdings nicht lange halten, da es für die Behörden notwendig wurde, den Prozess zu formalisieren und ihn in den legalen Bereich zu überführen. Auf der Grundlage von „Pramoje Dsejanne“ wurde zunächst die „Belarusische Patriotische Jugendunion“ gegründet, aus der 2002 nach einer Reihe von organisatorischen Manipulationen der heutige BRSM, der „Belarussische Republikanische Jugendverband“, hervorging.

Der BRSM büßte den romantischen Reiz der Sturmtruppen ein, erhielt aber einen anderen Daseinszweck, der für das autoritäre Regime nicht weniger wichtig ist: die Schaffung eines konformistischen Umfelds für junge Menschen. Die einzige Voraussetzung, die ein junger Mensch erfüllen musste, um Karriere zu machen, war seine Aufnahme in die Reihen des BRSM. Ein einfacher Beitritt ist genug, um einen vor dem Verdacht der Illoyalität gegenüber der Regierung zu schützen. Wenn man aktiv dabei ist, so eröffnet dies die Möglichkeit, in die Reihen von Lukaschenkos Bürokraten aufgenommen zu werden. Vorerst nichts weiter. Bis der Herbst 2020 kam – die Zäsur in der jüngsten Geschichte von Belarus.

Erst da wurde deutlich, zu welchem Zwecke diese Einheiten von Rotgardisten [Anspielung auf Maos Rote Garden zur Zeit der Kulturrevolution – Anm. d.Ü.] geschaffen worden waren. Aus den Skrupellosesten unter ihnen konnte man Bürgerwehrgruppen bilden, denen zunächst nicht-tödliche, dann auch tödliche Waffen anvertraut werden könnten. Mit anderen Worten wurde es möglich, die Sturmtruppen, von denen Oberst Samjatalin geträumt hatte, zu bilden, und dies auf einer formell legalen Grundlage zu tun.

Parallelen und Kreuzungen

Ich weiß, dass es manche Leute in Deutschland gibt, denen es schlecht wird, wenn sie diesen schwarzen Rock sehen; wir haben Verständnis dafür und erwarten nicht, dass wir von allzu vielen geliebt werden.

Heinrich Himmler

Die neueste Geschichte von Belarus wurde durch eine weitere Zäsur in „vorher“ und „nachher“ geteilt, am 9. August 2020. Es war der erste Tag seit dem Zweiten Weltkrieg, an dem eine Gruppe von Belarusen den Befehl gab, das Feuer auf andere Belarusen zu eröffnen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Kontexte besteht die Ähnlichkeit der Situation darin, dass sowohl an diesem Tag als auch während des Krieges bewaffnete Belarusen friedliche Belarusen töteten. Aber es gibt einen radikalen Unterschied, der nicht zu Gunsten der gegenwärtigen belarusischen Staates ist: Während des Zweiten Weltkriegs wurden Belarus*innen von den Besatzungstruppen eines anderen Landes getötet, und am 9. August auf Befehl der eigenen Führung des Landes.

Um die Parallelen zwischen den gegenwärtigen belarusischen Realitäten und der Zeit des Dritten Reiches detailliert aufzulisten, reicht ein Artikel kaum aus – dafür bräuchte es eine umfangreichere Studie. Es genügt, die Fakten durchzugehen, um zu verstehen, woher das Regime von Alexander Lukaschenko seine „Inspiration“ bezieht.

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Das erste, was der belarusische Diktator tat, als er an die Macht kam, war, die historischen Symbole nach dem Vorbild seines Vorgängers Adolf Hitler zu ändern. Der Unterschied liegt wieder einmal im Detail. Während Hitler dabei Spezialisten in verschiedenen Bereichen einbezog – Historiker, Heraldiker, Designer und sogar Theologen – verließ sich Lukaschenko auf seine eigenen spärlichen Kenntnisse der Geschichte, die sich auf die sowjetische Zeit beschränkten. Hitler änderte das System der Symbole nicht nur für das Land, sondern für die Anhänger des Nazionalsozialismus in der ganzen Welt; Lukaschenko orientierte sich an der für die ältere Bevölkerung nostalgischen Sowiet-Optik.

Lukaschenko hat immer versucht, sich als Internationalist und Befürworter der demokratischen Entwicklung auszugeben, während er im Wesentlichen sexistisch, rassistisch und antisemitisch war und dies in seinen Reden regelmäßig betonte. Es ist bezeichnend, wie er einmal, nachdem er hinter den Kulissen des Konzertsaals den kürzlich aus dem Gefängnis entlassenen Fernsehregisseur Bachtijar Bachtijarow gesehen hatte, laut fragte: „Was macht dieser Aserbaidschaner in Freiheit?“. Es war die Nationalität, die er an die Spitze der Bewertung stellte. Übrigens wurde Bachtijarow, der auf Bewährung entlassen worden war, ein paar Tage später ohne Erklärung ins Gefängnis zurückgebracht, um seine Strafe vollständig abzusitzen.

Noch ein Zitat. „Wenn Sie in Babrujsk gewesen sind, haben Sie den Zustand der Stadt gesehen? Es war beängstigend, es war ein Schweinestall. Es war eine überwiegend jüdische Stadt, Sie wissen schon, wie die Juden den Ort behandeln, an dem sie leben. […] Schauen Sie sich Israel an, ich bin dort gewesen. Ich will sie auf keinen Fall beleidigen, aber es ist ihnen egal, ob der Rasen gemäht ist, wie in Moskau bei den Russen und bei den Belarusen.“ Hier sehen wir eine absolute Übereinstimmung mit Hitler bei der Wahl der verfolgten Nation.

Sogar die Sinti und Roma in Belarus gerieten nach einem ähnlichen Muster wie im nationalsozialistischen Deutschland unter repressiven Beschuss. Nach den ungerechtfertigten Polizeipogromen in den Sinti- und Roma-Siedlungen antwortete der Innenminister Ihar Schunewitsch auf die Frage eines Journalisten: „Der Minister hat weder einen Grund noch eine Veranlassung, sich bei den Sinti und Roma zu entschuldigen. Ist es klar?“.

Derselbe Herr Schunewitsch fiel auch als ein rabiater Homophob auf, der sogar den Pressedienst des Innenministeriums dazu zwang, nach dem Vorbild der Nazi-Ideologen offizielle Texte herauszugeben, die Homosexuelle demütigen. In diesem Fall tat er jedoch einfach seinem Chef Alexander Lukaschenko gleich, der wiederholt homophobe Tiraden absonderte. Übrigens bekundete er offen seine Ansichten sogar gegenüber dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle, der offen schwul lebte, indem er die Idee äußerte, Homosexuelle zur „Umerziehung“ in belarusische Dörfer zu verbannen.

Und in einigen Fällen gelang es Lukaschenko, seine sexistischen und homophoben Ansichten gleichzeitig zu demonstrieren: „Es ist unsere Schuld, die Schuld der Männer, dass die Frau heute den Mann ersetzt hat. Das ist unsere Schuld. Deswegen tut es mir leid. Für manche Frauen haben wir als Männer versagt. Was sie bei uns hätten finden sollen, begannen sie bei den Frauen zu suchen. Deshalb bedaure ich dieses Lesbentum. Das ist schlecht, aber ich urteile nicht.“

Nach dem 9. August rückte die Ähnlichkeit des belarusischen Regimes und des Dritten Reiches aus dem Bereich der Semantik in die Sphäre des Visuellen und Taktilen.

Mobile Sturmtruppen, die Zivilisten in Wohngebieten gefangen nehmen, wie die Juden im Dritten Reich, um sie in Ghettos oder Konzentrationslager zu schicken. Einbrüche in Wohnungen, Schläge und offene Plünderungen.

Belarusische Gefängnisse verwandelten sich in Gestapo-ähnliche Foltergefängnisse mit dem ganzen Arsenal der Gewalt, von Schlägen und Demütigungen bis zu Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Mord.

Einige Szenen begannen bis ins kleinste Detail der Nazi-Besetzung zu ähneln: Menschen auf den Knien mit erhobenen Händen an der Mauer; Stacheldrahtzäune im Zentrum von Minsk; friedliche Bürger, umzingelt von Männern in Uniform. Der Unterschied liegt manchmal nur darin, dass die Nazis, im Gegensatz zu Lukaschenkos Peinigern, ihre Gesichter nicht versteckten.

Zum Höhepunkt der Parallelen und Schnittmengen wurde der Bau von Konzentrationslagern und Zonen für Vertriebene.

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Henker und Opfer

Unsere Verfassung ist der Wille des Führers.

Hans Frank

Wenn wir versuchen, die Entwicklung der Diktatur sowohl in Belarus als auch im Dritten Reich auf eine Formel zu bringen, werden wir sehen, dass es sich um eine Bewegung von der Einhaltung des Gesetzes zu seiner völligen Missachtung handelt. Es betrifft sogar die Gesetze, die die Diktatoren auf eigene Bedürfnisse zugeschnitten haben. Und wenn Adolf Hitler und Alexander Lukaschenko anfangs eng mit der Legislative zusammenarbeiteten, um Legitimität für ihr eigenes Handeln zu erlangen, so verschwand diese Notwendigkeit mit der Zeit – ihre Länder verwandelten sich in Zonen, die nicht durch Gesetze, sondern durch Laster, Begierde und Gewalt geregelt wurden.

Adolf Hitler verkündete in einer Reichstagssitzung am 26. April 1942: „Ich werde nicht eher ruhen, bis jeder Deutsche einsieht, daß es eine Schande ist, Jurist zu sein.“ Dies ist ein weiteres Credo von Alexander Lukaschenko, das dem Modell der totalen Missachtung des Gesetzes folgt. Die Nazis nutzten dieses Modell, um Anwälte in Konzentrationslager zu schicken; auch das belarusische Regime entzieht Anwälten, die es wagen, politische Gefangene zu verteidigen, ihre Lizenzen und verhaftet sie.

„Einem Amerikaner wird ohne sozialer Garantien, Gehälter und fünf Sorten Eis nicht im ,Desert Storm‘ kämpfen, und unseren Leuten genügt ein rotes Barett der Titel eines Elitekämpfers“, sagte der ehemalige Innenminister von Belarus und jetziger Präsidentenberater Juri Karajew, der Mann, der sich an der Schaffung von Konzentrationslagern beteiligte und einer von denen ist, die den blutigen Terror gegen die Belarus*innen entfesselten.

„Ein rotes Barett der Titel eines Elitekämpfers“ – das ist der Korruptionsalgorithmus, der vom belarusischen Regime von den Nazis kopiert und für die moderne Welt optimiert wurde. Zur Devise „Du bist von der Eliteeinheit“ fügten die belarusischen Machthaber Dienstwohnungen, zinsgünstige Kredite, unkontrollierte Bonuszahlungen, erhöhte Rente nach 20 Dienstjahren, Anonymität bei der Ausführung von Strafbefehlen und einen Verzicht auf Strafverfolgung hinzu. Daraus resultiert die Schaffung einer ganzen Gesellschaftsschicht, die nach dem Hermann-Göring-Prinzip handelt: „Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts!“.

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Der Winter des Führers

Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das deutsche Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen.

Adolf Hitler

Wenn wir Lukaschenkos derzeitige Realität mit dem Schicksal des Nazi-Regimes vergleichen, wird deutlich, dass er seine „Bunkerphase“ durchlebt: Für die ganze Welt ein Paria, die Wirtschaft ruiniert, von seinen Landsleuten gehasst, sich von der Welt abschottend, an Phobien und psychischen Krankheiten leidend, misstrauisch gegenüber seiner Umgebung…

Der einzige Unterschied ist, dass er noch einen Partner hat, der sich ebenfalls aktiv mit dem Nazi-Modell auseinandersetzt und regelmäßig Fragmente davon ausprobiert. Das Paradoxe ist jedoch, dass dieser „Partner“ selbst gerne den „Bunker“ bombardieren würde und die Überreste des Eigentums des belarusischen Diktators in Besitz nehmen würde; und Lukaschenko weiß das sehr gut. Hier bietet sich eine Analogie mit dem Paar Hitler und Stalin an, die aber wegen des unterschiedlichen Ausmaßes des Einflusses von Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin auf die Welt nicht ganz zutreffend sein wird, denn das Ausmaß des Nazi- und des Sowjetregimes war noch vergleichbar.

Das „Bunker-Regime“ hält in der Geschichte nicht lange an, wenn wir das Phänomen Nordkorea, das eher als eine Ausnahme von den Regeln existiert, ausklammern. Es sollte jedoch klar sein, dass das Ende des Nationalsozialismus erst dann vorprogrammiert war, als eine entsprechende Kombination von Kräften zustandekam, die sich ihm entgegenstellten:

  • die Ostfront, vertreten durch die sowjetische Armee,
  • die Zweite Front, bestehend aus den Truppen der Alliierten, 
  • die antifaschistische Bewegung in Deutschland selbst,
  • die Anti-Hitler-Koalition, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 58 Länder zählte.
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Sicherlich brauchen wir nicht so beeindruckende militärische und wirtschaftliche Ressourcen, um Lukaschenkos Regime zu stürzen, aber wir brauchen synchronisierte Aktionen seitens der Elemente, die im Grunde die gleichen Segmente der weltpolitischen Ordnung repräsentieren:

  • die „Front“, vertreten durch das belarusische Volk im Lande,
  • die Europäische Union im Format einer Anti-Lukaschenko-Koalition
  • die „Zweite Front“, vertreten durch die Vereinigten Staaten, die die Weltwirtschaft beeinflussen können,
  • die Anti-Lukaschenko-Bewegung innerhalb staatlicher Strukturen.

Die Mobilisierung all dieser Elemente des Systems ist die größte Herausforderung für Belarus*innen, die die Diktatur loswerden wollen. Und wenn jedes von ihnen mobilisiert werden kann, wird das Ergebnis nicht lange auf sich warten lassen.

Alexander Lukaschenko sagte einmal in bester Adolf-Hitler-Manier: „Ich bin der Präsident des Staates, und dieser Staat wird existieren, solange ich der Präsident bin.“ Aber wir sollten uns alle vor Augen führen, dass ein Bunker kein Staat ist, sondern nur das – ein Bunker.